Na gut, eigentlich hatte ich nicht vor, das Internet jeden Tag mit meinem Mist zuzumüllen aber ich glaub hier gibt's noch weit schlimmeres also was soll's.
Ich wusste schon immer, dass es bestimmte Dinge gibt, die man nicht einfach mit ein paar Worten entschuldigen kann. Zu diesen Dingen gehört auch, Menschn wehzutun, indem man deren intimste Geheimnisse im Streit gegen sie verwendet. Indem man ihr Vertrauen zu dem Messer macht, mit dem man ihnen das Herz zerschneidet. Ich wusste immer, dass es grausam und unheimlich feige ist, einem Freund auf diese Weise Schmerzen zuzufügen, weil man damit eine Grenze übertritt von der man weiß, dass der andere sie nicht übertreten will. Niemals hätte ich geglaubt, dass ich eines Tages zu denen gehören würde, die diese Grenze als erste überschreiten. Anscheinend bin ich aber so jemand geworden, in dem Moment, in dem ich meine eigene Wut und Unzufriedenheit über meine Freunde gestellt habe. Ich hatte so sehr gehofft, dass sich mein kleiner Ausfall Samstagabend auf ein paar fiese Kommentare beschränkt hat, aber offensichtlich bin ich diesmal drei Schritte zu weit gegangen. Bis zu dem Punkt, an dem ich mein Handeln nicht mehr auf den Alkohol schieben kann.
Es macht mir Angst, dass es anscheinend einen Teil von mir gibt, der all diese schlimmen Dinge sagen wollte und dass dieser Teil nicht nur zu meinem betrunkenen Ich gehört. Denn als man mir gesagt hat, was ich alles von mir gegeben hab am Samstag, da hab ich mir tatsächlich kurz selbst zugestimmt. Ja, sie hat's verdient. Ich hab alles genau so gemeint, wie ich es gesagt habe. Die Reue und das Schuldbewusstsein kamen erst danach und ich hasse mich selbst dafür, dass ich so ein gemeiner Mensch bin. Wann bin ich so geworden? Seit wann will ich einer meiner engsten Freundinnen mit Absicht wehtun und seit wann bin ich so wütend auf sie, auf alle, auf mich? Ich weiß es nicht, ich war mir bis heute ja nichtmal darüber bewusst, wie wütend ich wirklich bin.
Ich dachte, ich wäre unzufrieden, einfach ein bisschen neben mir in letzter Zeit. Und müde, von zu viel Schlaf und zu wenig Leben. Aber jetzt glaube ich, dass es nicht nur Unzufriedenheit und Müdigkeit sind, die mich nicht klar denken lassen. Es ist auch Wut und ich habe sie lange unterdrückt, nicht richtig wahrgenommen.
Samstag hat mich der Alkohol dazu gebracht, sie auf meine Freunde zu richten aber ich denke nicht, dass ich wütend auf sie bin. Dazu hätte ich keinen Grund, ich schulde jedem von ihnen unendliche Dankbarkeit. Mein erster Gedanke war, dass sich meine Wut gegen mich selbst richtet, weil ich mal wieder nicht mit meinem Leben klarkomme. Weil mein Zeugnis nicht so war, wie ich es haben wollte und weil ich nie das mache, was ich mir vorgenommen habe. Weil ich meine Freunde nicht gut genug behandle und aus allen Gründen, aus denen man sonst noch wütend auf sich selbst sein kann. Aber je länger ich darüber nachdenke, desto klarer wird, auf wen ich in Wahrheit wütend bin. Ich glaube, ich weiß es schon länger, schon immer, ich konnte das Gefühl nur nicht benennen. Es zuzugeben ist hart, vor mir selbst und erst recht vor allen anderen, weil es irgendwie seltsam klingt und schwer zu verstehen ist.
Die Person, auf die ich wütend bin ist Robert. Ich bin so wütend auf ihn, weil er einfach aufgegeben hat. Die Ärzte haben gesagt, die OP wäre gut gewesen, alle Werte wären gut, er müsste ohne Probleme wieder aus der Narkose aufwachen. Dann haben seine Organe versagt, ohne Grund, einfach so. Klar, er war angeschlagen von der Chemo und den anderen OPs und vielleicht war sein Körper einfach zu schwach. Aber für mich wird es sich immer so anfühlen, als hätte er aufgegeben, einfach losgelassen. Und mir ist klar, dass ich nicht das Recht habe, ihm das übel zu nehmen, es war sein Leben. Trotzdem bin ich so wütend, weil er wusste, wie sehr ich ihn brauche. Er wusste, was alles kaputt gehen würde, wenn er stirbt und er hat trotzdem losgelassen. Er ist einfach gestorben und hat sich nicht verabschiedet, wir haben so fest damit gerechnet, dass er aufwacht und er schlaft einfach für immer weiter. Jetzt ist nichts mehr wie vorher und er schläft immer noch, ihm kann's egal sein. Ich würde ihm so gerne ins Gesicht schreien, ihm irgendwas an den Kopf werfen dafür, dass er glauben konnte, ich würde klarkommen ohne ihn. Ich weiß, wie egoistisch das alles klingt und im Grunde ist es das auch. Ich bin wütend auf ihn, weil mich die Trauer um ihn zu einer egoistischen Schlampe gemacht hat. Ich bin wütend auf die Welt, weil es immer die Falschen trifft, weil irgendwelche Kinderschänder ewig leben und die Guten viel zu früh gehen müssen. Ich bin wütend auf ihn, weil ich früher anders über solche Dinge gedacht habe. Ich bin wütend, weil sein Tod alles verändert hat und er mich alleingelassen hat und ich hier in der Scheiße sitze ohne jemanden, der mir sagt, dass das alles nicht so schrecklich ist wie ich grade denke, dass ich nicht so schlimm bin wie ich mich grade sehe.
Ich bin so wütend und ich fürchte, ich kann nichts anderes tun als es einfach zu fühlen. Warten, bis es besser wird. Bis sich die Wut legt und ich vergeben kann. Robert, dass er mich hier hat sitzen lassen und für immer verschwunden ist. Und mir, naja, alles andere.
Phasen der Trauer. Phase Nummer: 2.
AntwortenLöschen"Das Aufbrechen der Emotionen"
Trauer, Wut, Angst, Freude. Alles wird durcheinander erlebt. Alles fühlt sich stark und dennoch dichts davon wirklich real an.
Ich weiß nicht, was ich dazu weiter sagen soll. Anscheind hast du Robert sehr gemocht.
Ich stecke nicht in deiner Haut und kann deine Emotion nicht nachempfinden. Aber ich kann versuchen dir eins zu empfehlen:
Befasse dich mit deinen Emotionen und reflektiere sie. Gleichzeitig versuche, dich mit den Phasen der Trauer und deiner Trauer auseinander zu setzen. Und versuche gedankliche Fortschritte zu machen.
xo